Exkurs Wirbelsäule PDF Drucken E-Mail

In diesem Artikel geht es um den Aufbau und die Funktion der Wirbelsäule. An 3 Asanas (Vorbeuge, Rückbeuge, Drehung) werden die Funktionen der Wirbelsäule verdeutlicht. Es wird ebenfalls auf die Wirkungen der Übungen auf die Wirbelsäule eingegangen. Die Bandscheibenproblematik wird erläutert.


Die Eigenschaft der menschlichen Wirbelsäule stabil und zugleich flexibel zu sein ist die Grundvoraussetzung für die Möglichkeit des aufrechten Stehens.  Die Wirbelsäule hat eine Schutzfunktion für Rückenmark und Nerven. Die Wirbelsäule zeigt 2 Paar Krümmungen (man sagt auch die Wirbelsäule hätte eine doppel S-Form). Im Brust- und Steißbeinbereich sind die Wölbungen kyphotisch (konvex) und im Bereich von Hals und Lenden lordosisch. Affen stehen ungern lange auf 2 Beinen, da sie zwar gebogene Hälse haben, aber keine Lordose (konkav-förmig) im Lendenbereich.
In ihrem zentralen Kanal wird das Rückenmark bestens geschützt. Nerven und Muskeln sind ständig damit beschäftigt die Aufrichtung und das Gleichgewicht zu bewahren. Das geschieht unwillkürlich und verbraucht aber viel Energie. Das intrinsische Gleichgewicht können sich Yogis zu nutze machen, indem sie wissen, dass sich die Wirbelsäule auch ohne Muskelarbeit in sich stützt und Haltekräfte der Schwerkraft das übernehmen, was wir sonst in Form von gegen die Schwerkraft gerichtete Muskelanspannungen veranlassen. Wenn der Übende so die nicht nötige Muskelanspannung loslässt erfährt er ein Gefühl von freigesetzter Energie.  Dieses Wissen vom intrinsischen Gesetz ist äusserst wichtig für die Arbeit in den asanas besonders bei statischen Haltungen.
 
Die Wirbelsäule ist ein komplexes Gebilde und besteht aus 24 beweglichen Wirbeln (7 Hals-, 12 Brust- und 5 Lendenwirbeln) und 9 bis 10 unbeweglichen Wirbeln, die das Kreuzbein und das Steißbein bilden.
So unterscheiden wir Halswirbelsäule (HWS), Brustwirbelsäule (BWS), Lendenwirbelsäule (LWS) und das Kreuzbein mit dem Steißbein.
Bei manchen Menschen sind die Krümmungen zu ausgeprägt oder zu wenig ausgeprägt. Oder aber verdreht, bzw. seitlich fehlgestellt. Diese Fehlbildungen führen im Laufe der Zeit zu ständigen Fehlbelastungen der Knochen und Gelenke, so dass sich schmerzhafte Verschleißerscheinungen zeigen.  Die Wirbelsäule besteht aus einzelnen Wirbeln. Die ersten beiden Halswirbel haben bedingt durch ihre Funktion einen beweglichen Wirbelkörper, alle anderen Wirbel haben einen stabilen. Die Wirbelkörper sind der tragende Teil der Säule. An der Rückseite der Wirbelkörper schließen die Wirbelbögen an, die den Wirbelkanal bilden durch den das Rückenmark verläuft. Von jedem Wirbelbogen geht jeweils zu jeder Seite ein Querfortsatz ab und nach hinten ein Dornfortsatz. An den Quer- und Dornfortsätzen sind Bänder und Muskeln befestigt. Zwischen zwei Wirbeln, lassen die Wirbelbögen jeweils das Wirbelloch entstehen, wodurch Nerven austreten, welche die Verbindung schaffen vom Rückenmark zu Organen und Gliedmaßen. Das Kreuzbein besteht ursprünglich aus 5 Wirbeln, die aber im Laufe der Pubertät zu einer Knochenplatte verwachsen. Das Kreuzbein ist wie ein Keil im Becken verankert. An das Kreuzbein schließt sich das Steißbein an, wo die Muskeln ansetzen, die die untere Beckenöffnung schließen können.
Die einzelnen Wirbel sind über Wirbelgelenke miteinander verbunden. Es gibt jeweils 2 Wirbelgelenke an den Seiten der Wirbelbögen. Jedes Gelenk ist von einer Gelenkkapsel umgeben, dort sind viele Nerven eingelagert, was erklärt warum dieser Bereich sehr schmerzempfindlich ist.
Es sind also die Wirbelgelenke, welche dafür sorgen, dass sich die Wirbel gegeneinander bewegen können und die Beweglichkeit der Wirbelsäule im Allgemeinen unterstützt.  
Der Aufbau der Wirbelsäule wechselt sich ab mit harten und weichen Geweben. So kommt es, dass die 24 freien Wirbel sind durch zwischengelagerte Zonen aus knorpeligen Bandscheiben und den oben beschriebenen Wirbelgelenken und Bändern verbunden. Dieser Wechsel zwischen knöchernen und knorpelartigen Geweben stellt eine Unterscheidung zwischen passiven und aktiven Elementen dar. Die Wirbel sind die passiven, festen Elemente (sthira) und die weichen Elemente, die Bandscheiben sind die aktiven (sukha).
Wenn man die Wirbelsäule von der Seite betrachtet, könnte man 2 Säulen erkennen, einmal die der Wirbelkörper, welche für die Festigkeit und das Gewicht tragen verantwortlich sind und die 2. Säule der Bögen und Fortsätze, welche ihre Verantwortung in der Flexibilität und Beweglichkeit finden.  Also ist wieder ein ausgeglichenes Verhältnis von sthira und sukha zu finden.
Um noch einmal näher auf die Bandscheiben einzugehen, muss festgehalten werden, dass die Bandscheiben aus wasserbindendem Knorpelgewebe besteht. Nach außen bildet das Knorpelgewebe einen Faserring und nach innen einen Gallertkern. Die Fasern des Faserringes puffern die Zug- und Druckbewegungen ab. Der Gallertkern im Innern des Faserrings ist von einem Hohlraum umgeben. Der Druck des Gallertkerns verteilt sich nach oben und unten auf die Wirbelkörper und treibt sie etwas auseinander.
Im Laufe des Tages verliert die Bandscheibe durch die ständigen Belastungen der Schwerkraft bedingt durch die Aufrichtung an Gewebsflüssigkeit, die erst in der Nacht während des Schlafes wieder aufgefüllt werden. Die Gewebsflüssigkeit läuft in das poröse Knochengewebe der Wirbelkörper und von dort aus wieder zurück, wenn die Wirbelsäule entlastet wird.

Anhand von 3 asanas (Vorbeuge, Rückbeuge, Drehung) im Folgenden sollen die Funktionen der Wirbelsäule verdeutlicht werden.

Vorbeuge uttanasana

Aufgrund der Stellung der Wirbelgelenkflächen zueinander fällt uns die Vorbeuge besonders leicht im oberen Rücken, da die Wirbelsäule hier konvex gekrümmt ist und so der Vorbeuge entgegenkommt. Der dickflüssige Kern der Bandscheiben verlagert sich in der Vorbeuge nach hinten. Bei dem asana der tiefen Vorbeuge wird die Wirbelsäule behutsam und zugleich intensiv gestreckt. Bei Rückenproblemen ist es ratsam nur Vorstufen davon zu üben. In diesem asana ist die Vorbereitung der gesamten Wirbelsäule, Beine und des Beckens von grosser Wichtigkeit. Wie alle Haltungen im Yoga soll dabei die Wirbelsäule positiv beeinflusst werden. Das ist nur dann der Fall, wenn bei der Vorbeuge der Rücken niemals so stark gedehnt wird, dass die Dornfortsätze an irgendeiner Stelle des Rückens extrem zum Vorschein kommen. Uttanasana ist bei Bandscheibenproblemen kontraindiziert. Lösend wirkt diese Vorbeuge bei Rückenproblemen infolge verspannter Muskulatur. Es geht bei der Vorbeuge um eine Streckung der Wirbelsäule. Je mehr eine Krümmung abgeschwächt bzw. verstärkt wird desto mehr erfährt die andere das Gegenteil. Im Falle einer Wirbelsäulenstreckung gibt es eine Verstärkung der sekundären (lordotischen) Krümmung und eine Abschwächung der primären (kyphotischen) Krümmung.  
Was an dieser Stelle einmal ganz klar gesagt werden muss ist das eine Vorbeuge nicht unbedingt eine Beugung der Wirbelsäule bedeutet. Das Wort Vorbeuge bezieht sich auf eine Beugung der Wirbelsäule im Bereich des Rumpfes wie z. B. bei uttanasana, wo also die Muskulatur des Rückens gedehnt wird und die Wirbelsäule gestreckt wird.
Wenn wir uns vorbeugen, um einen Gegenstand aufzuheben ist es so, dass sich der dickflüssige Gallertkern in den Bandscheiben nach hinten verlagert (so wie sich die Luftblase in einer Wasserwaage verhält).
Wenn es um eine Beugung der Wirbelsäule gehen soll wäre das klassische Beispiel des Yogas die Haltung des Kindes balasana. Wenn hier Bandscheibenprobleme vorliegen muss unbedingt darauf geachtet werden, dass der Rücken gerade bleibt und somit auch der Gallertkern in der Mitte der Bandscheibe bleibt und nicht auf die Nerven drücken kann.
An dieser Stelle ein Exkurs zum Thema Bandscheibenvorfall. Etwas weiter oben im Text wurde beschrieben, dass sich die Bandscheiben nachts immer wieder regenerieren und sich mit Flüssigkeit füllen, damit die Pufferfunktion erhalten bleibt. Mit zunehmendem Alter funktioniert dieser Vorgang immer schlechter. Die Fähigkeit des Gewebes Wasser zu speichern nimmt ab und der Knorpel verliert an Elastizität. Die Bandscheibe kann dem Druck weniger standhalten und verschleißt. Eine Folge dessen sind Risse im Faserring. Durch diese Risse quillt der Faserring hervor und die Gallertmasse drückt auf Nerven, welches Schmerzen und Taubheitsgefühle hervorruft.

Rückbeuge bhujangasana die Kobra

Rückwärtsgebeugte Haltung in Bauchlage
Rückbeugen fallen uns aufgrund der sekundären bzw. lordotischen Krümmung in den Bereichen des unteren Rückens und des Nackens besonders leicht. Bei der Rückbeuge verlagert sich der Gallertkern etwas weiter nach vorn und Unterstützt so die Bewegung.
Viele Kräftigungsübungen beginnen aus der Bauchlage,  da die Muskulatur der Körperrückseite aktiviert wird. Häufiger im Alltag findet sich der Körper in Vorbeugen wieder. Deshalb werden Rückbeugen im Allgemeinen angenehm empfunden, da sie ausgleichen und das Gefühl von Enge im Brustkorb nehmen, weil dieser gedehnt wird. Die Bauchlage belastet die Krümmungen der Wirbelsäule, besonders die des Halses. Deshalb ist es auch nicht ratsam auf dem Bauch zu schlafen.
Die Wirbelsäule ist in der Kobra gestreckt. Im Falle einer Wirbelsäulenstreckung gibt es eine Verstärkung der sekundären (lordotischen) Krümmung und eine Abschwächung der primären (kyphotischen) Krümmung.  
Die Binnenmuskulatur des Rückens arbeitet konzentrisch um den Rücken zu strecken. Eine Überstreckung der Lendenwirbelsäule muss verhindert werden. Der Brustkorb wird geöffnet. Die Wirkung der Kobra besteht also schwerpunktmäßig im Ausgleich der Kyphose in der BWS und zur Stärkung der Rückenmuskulatur.  
Die Wirbelsäule wird aus Kraft des Rückens angehoben und in 2 Richtungen verlängert (einmal über das Steißbein hinaus und dann über den letzten Halswirbel hinaus). Das soll auch die Flanken dehnen und so das Gleichgewicht der Wirbelsäule fördern. Weitere Wirkungen der Kobra als Rückbeuge auf die Wirbelsäule sind: spüren des Rückens, Achtsamkeit üben im Rücken, gleicht den Rundrücken (Kyphose) aus und führt zu einer aufrechten Haltung.  Bei einer Neigung zum Hohlkreuz nicht die Variation der Armstreckung üben, da die LWS zu stark gebeugt wird. Bei Bandscheiben und HWS Problemen ist die Kobra kontraindiziert.

Drehung – der gedrehte Sitz - bharadvajasana

Drehungen sind vor allem im Bereich des Brustkorbs und in der oberen HWS möglich. Wenn wir uns drehen verhindern die Bandscheiben, dass sich der Abstand der Wirbelkörper zu sehr verringert und dann würden sie auf die Nerven drücken.
Vor jeder Drehung sollte eine Streckung der Wirbelsäule erfolgen.
Dieser Sitz ist sehr wohltuend für den Rücken und die ganze Wirbelsäule.
Drehungen im allgemeinen sind ordnende Bewegungen/Haltungen, die vor allem durch die gleichmäßige Ausführung zu den Seiten und zur Mitte führen. Die Beweglichkeit der Wirbelsäule als Sinnbild für die Flexibilität im Geist. Wenn man diesen Sitz auf einem Stuhl übt, dann ist die Übung sehr sanft und dennoch effektiv für die gesamte Wirbelsäule. In dem Werk von B.K.S. Iyengar „Licht auf Yoga“ sagt er, dass bharadvajasana auch für Menschen mit besonders steifer Wirbelsäule geeignet ist. Dennoch gilt es zu beachten, dass die Iliosakralgelenke gedehnt werden, was durchaus positiv ist. Der Stoffwechsel der Bandscheiben wird angeregt, da diese durch die Drehung wie Ausgewrungen werden. Die seitliche Verschiebung der Wirbelsäule/Skoliose kann günstig beeinflusst werden. Bei der Neigung zum Hohlkreuz unbedingt die Bauchmuskeln aktiv halten und nicht so weit drehen. Vor jeder Drehung immer erst die Wirbelsäule in die Länge dehnen. Bei Problemen mit den Bandscheiben nicht drehen.


Generell ist es wichtig, dass wenn Bandscheibenprobleme vorliegen, der Rücken immer gerade bleiben muss. So ist es in der Schulterbrücke, dass nicht Wirbel für Wirbel einzeln aufgerollt werden, sondern das der Rücken gerade bleibt. So ist es auch in der Vorbeuge von uttanasana, das der Rücken gerade bleibt und die Beugung im Rumpf erfolgt. So verhält es sich, dass der Gallertkern in der Mitte der Bandscheibe bleibt und nicht auf die Nerven drücken kann. Drehungen sind bei Bandscheibenvorfällen nicht geeignet.
 
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